Das KinoConnect Innovation Lab auf der Filmkunstmesse 26 - Vom Gespräch zur gemeinsamen Arbeitsagenda
Wie finden Filme ihr Publikum? Und wie kann der Kinobesuch zu einem gemeinsamen Erlebnis werden? Beim KinoConnect Innovation Lab auf der Filmkunstmesse 26 in Leipzig kamen Filmschaffende, Verleih, Kinos und weitere Branchenvertreter*innen miteinander ins Gespräch. Im Q&A, im World Café und bei der Arbeit mit 20 Themenkarten wurden Herausforderungen geteilt und Ansatzpunkte für die weitere Zusammenarbeit sichtbar.
Zum Auftakt: Kino als gemeinsame Aufgabe
Den Auftakt bildete ein Q&A mit Jelena Ilić (Drehbuch und Regie), Bayan Layla (Schauspielerin) und Verena Maas von Mindjazz Pictures.
Gemeinsam mit Kinobetreiber*innen und weiteren Branchenvertreter*innen diskutierten sie, wie Filmschaffende, Verleih und Kino enger zusammenarbeiten können, damit Filme ihr Publikum finden und Kinostarts stärker als gemeinsames Ereignis verstanden werden.
Im Mittelpunkt standen die besondere Qualität des Kinoerlebnisses, Kinotouren, Q&As und persönliche Begegnungen. Auch die Rolle von Filmschaffenden bei der Kommunikation und Bewerbung ihrer Filme wurde diskutiert. Viele engagieren sich bereits mit Auftritten, Gesprächen mit dem Publikum, Kinotouren oder Aktivitäten in sozialen Medien. Zugleich wurde deutlich: Dieses Engagement ist Arbeit und braucht Zeit sowie passende Rahmenbedingungen. Nicht alle können oder möchten im gleichen Umfang zusätzliche Aufgaben rund um Marketing und Auswertung übernehmen.
Aus dem Publikum wurde auf Beispiele aus Frankreich verwiesen, wo Filmschaffende ihre Filme teils durch das ganze Land begleiten und auch kleinere Kinos und ländliche Regionen besuchen. Dabei wurde der Wunsch laut, ein solches sichtbares Bekenntnis zum Kino auch in Deutschland weiter zu stärken.
Der Austausch wurde sehr positiv aufgenommen. Er zeigte, dass grundsätzlich Bereitschaft besteht, gemeinsam für Filme und das Kinoerlebnis zu arbeiten. Damit daraus tragfähige Zusammenarbeit wird, müssen Erwartungen, Ressourcen und Zuständigkeiten offen besprochen werden. Der Dialog soll deshalb weitergeführt werden – unter anderem mit Blick auf Kinostarts, Audience Development und die direkte Begegnung mit dem Publikum.
Fünf Thementische, viele gemeinsame Linien
Nach dem Q&A wurde im World Café weitergearbeitet. An fünf Thementischen ging es um Fragen, die Kino, Verleih, Filmschaffende und weitere Partner*innen beschäftigen. Die folgende Zusammenfassung ist eine sinngemäße Verdichtung der fotografierten Tischdecken und Leitfragen. Sie gibt keine einzelnen Wortmeldungen wörtlich wieder.
1. Audience Data 2.0: Das Innovationspotenzial der Kundendaten nutzen
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie vorhandene Kundendaten besser genutzt werden können. Daten sollen kein Selbstzweck sein, sondern dabei helfen, Besucher*innen, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten besser zu verstehen und daraus bessere Entscheidungen für Programm, Marketing und Publikumsbindung abzuleiten.
Dafür braucht es transparentere und vergleichbare Informationen – etwa zu Besucher*innenzahlen, Auslastung, Zielgruppen und der Wirkung von Veranstaltungen oder Marketingmaßnahmen. Relevant ist dabei mehr als die Zahl der verkauften Tickets: Werden neue Zielgruppen erreicht? Entsteht eine längerfristige Bindung? Welche Ansätze lassen sich auf andere Standorte übertragen?
Diskutiert wurden unter anderem gemeinsame Kennzahlen, eine bessere Verbindung bislang getrennter Daten- und Erfahrungsbestände sowie Prognosen und Hochrechnungen. Perspektivisch kam auch der Einsatz von KI zur Sprache. Voraussetzung dafür sind gemeinsame Begriffe, verlässliche Datenquellen und klare Regeln für Vergleichbarkeit und Interpretation.
2. Pricing und Abrechnungsmodelle: Transparenz und Fairness schaffen
Ein weiterer Tisch beschäftigte sich mit Preisen und Abrechnungsmodellen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie wirtschaftliche Beziehungen zwischen Kinos, Verleihern und weiteren Partner*innen transparenter, fairer und zugleich flexibler gestaltet werden können.
Dabei treffen unterschiedliche Interessen und Rahmenbedingungen aufeinander. Kinos müssen ihre Kosten decken und lokale Besonderheiten berücksichtigen. Verleiher und Partnerinnen benötigen nachvollziehbare Modelle, die wirtschaftliche Risiken, den Wert eines Films und die jeweiligen Beiträge zur Vermarktung abbilden. Auch für Besucherinnen sollten Preise und Angebote verständlich bleiben.
Deutlich wurde, dass ein einheitliches Modell vermutlich nicht allen Filmen, Kinos und Standorten gerecht wird. Gefragt sind deshalb flexible oder kombinierbare Lösungen, deren Grundlagen nachvollziehbar sind und die in der Praxis erprobt werden können. Mehr Transparenz bei Budgets, Erwartungen und Abrechnungen kann dazu beitragen, Vertrauen und Planungssicherheit auf allen Seiten zu stärken.
3. Programmplanung und Kino-Disposition: Verlässlicher und flexibler zusammenarbeiten
Für eine partnerschaftlichere Programmplanung und Disposition braucht es frühzeitige Informationen, verlässliche Ansprechpartner*innen und klare Zuständigkeiten. Angaben zu Filmen, Auswertungszeiträumen, Marketing, Besuchserwartungen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sollten nachvollziehbarer geteilt werden.
Kinos arbeiten jedoch unter unterschiedlichen Bedingungen. Laufzeiten, Vorstellungszahlen und Vermarktungsmaßnahmen müssen deshalb lokale Gegebenheiten berücksichtigen. Ein Kino in einer Großstadt steht vor anderen Herausforderungen als ein kleines kommunales oder unabhängiges Kino.
Gemeinsame Standards können hilfreich sein, sollten aber nicht zu starren Vorgaben werden. Als mögliche nächste Schritte wurden praxistaugliche Vereinbarungen und Pilotprojekte mit ausgewählten Kinos und Verleihern diskutiert. Ziel ist eine verlässlichere und frühzeitigere Abstimmung, die sowohl Planungssicherheit als auch lokale Flexibilität ermöglicht.
4. Audience to Action: Von Bedürfnissen zu konkreten Maßnahmen
Der vierte Tisch nahm die Perspektive des Publikums zum Ausgangspunkt. Die zentrale Frage lautete, wie sich Erkenntnisse über Bedürfnisse und Erwartungen in konkrete Maßnahmen übersetzen lassen. Marketing wurde dabei nicht als nachgelagerte Aufgabe verstanden, die erst nach der Programmplanung beginnt. Es ist Teil des Kinoangebots und sollte von Kino, Verleih und lokalen Partnerinnen gemeinsam gedacht werden. Verlässliche Materialien, Informationen und Ansprechpartnerinnen können helfen, Kampagnen, Touren und Veranstaltungen besser abzustimmen.
Auch lokale Partner*innen aus Kultur, Gastronomie, Bildung und anderen Bereichen können zur Ansprache des Publikums beitragen. Gleichzeitig brauchen Kinos ausreichend Spielraum, um Maßnahmen an die eigene Region und die jeweiligen Zielgruppen anzupassen. Gute Beispiele sollten dokumentiert und geteilt werden, damit erfolgreiche Ansätze auch für andere Standorte nutzbar werden.
Die Diskussion richtete den Blick außerdem auf das gesamte Kinoerlebnis: auf die Kommunikation vor dem Besuch, den Aufenthalt im Kino und die Zeit nach dem Film. Aus Audience Insights sollen konkrete, erlebbare und im Alltag testbare Maßnahmen entstehen.
5. Moonshots: Raum für große Ideen schaffen
Der fünfte Tisch öffnete bewusst den Raum für besonders ambitionierte, langfristige oder zunächst ungewöhnlich erscheinende Ideen. Im Mittelpunkt stand nicht die sofortige Umsetzbarkeit einzelner Vorschläge, sondern die Frage, wie Kino in Zukunft grundsätzlich gedacht werden kann.
Welche großen Veränderungen könnten das Kino nachhaltig zukunftsfähig machen? Welche neuen Formen von Angebot, Zusammenarbeit, Aufenthaltsqualität, Technologie oder Publikumsbindung sind denkbar? Und welche Ideen wären so wirkungsvoll, dass sie über einzelne Standorte oder Projekte hinaus Bedeutung gewinnen könnten?
Moonshots sind dabei keine fertigen Maßnahmenpläne. Ihr Wert liegt zunächst darin, Denkgrenzen zu verschieben und neue Perspektiven zu eröffnen. Im nächsten Schritt können besonders interessante Ansätze konkretisiert, in kleinere Experimente übersetzt und auf ihre Wirkung geprüft werden.
Viele Themen, eine gemeinsame Richtung
Über alle fünf Tische hinweg kehrten ähnliche Anliegen wieder: mehr Transparenz bei Daten, Preisen, Abrechnungen, Zuständigkeiten und wirtschaftlichen Erwartungen; frühzeitigere und verlässlichere Informationen; stärkere Zusammenarbeit in der Branche – und zugleich mehr Aufmerksamkeit für lokale Unterschiede.
Eine gemeinsame Linie verbindet die Themen besonders deutlich: Daten sind nur dann wertvoll, wenn aus ihnen Entscheidungen und konkrete Maßnahmen entstehen. Faire Preis- und Abrechnungsmodelle schaffen dafür wirtschaftliche Voraussetzungen. Eine bessere Programmplanung ermöglicht passende Angebote. Audience to Action übersetzt Bedürfnisse in Handlung. Die Moonshots öffnen schließlich den Raum für größere Veränderungen.
Das World Café hat keine einzelne Patentlösung hervorgebracht. Es entstand vielmehr ein gemeinsames Arbeitsbild: Die Zukunftsfähigkeit des Kinos hängt davon ab, Wissen besser zu teilen, wirtschaftliche und organisatorische Prozesse transparenter zu gestalten und das gesamte Kinoerlebnis konsequent aus Sicht des Publikums weiterzuentwickeln. Als mögliche nächste Schritte wurden kleine, überprüfbare Erprobungen genannt, mit denen sich Ansätze im Alltag testen und weiterentwickeln lassen.
20 Themenkarten: Was soll weiter vertieft werden?
Im dritten Schritt ging es nicht darum, eine weitere Ideensammlung zu eröffnen. Sichtbar gemacht wurde vielmehr, welche Themen die Branche in früheren Labs, Workshops und Brainstormings bereits beschäftigt haben – und welche davon für die weitere Arbeit besonders relevant erscheinen.
Dafür lagen 20 Themenkarten aus. Die Teilnehmenden konnten sie ansehen, diskutieren, mit Klebepunkten markieren und durch handschriftliche Hinweise ergänzen. So entstand ein gemeinsames Prioritätsbild. Es ist keine repräsentative Umfrage und kein fertiger Maßnahmenplan, sondern eine verdichtete Arbeitsgrundlage für die nächsten Schritte.
Besonders viele Markierungen erhielten das aktive Gestalten des „Post-Viewing Window“, die Zielgruppe der Solo-Kinogänger*innen und der Übergang von einzelnen Dateninseln zu einer gemeinsamen Branchenintelligenz. Zusammen verweisen diese Themen auf eine gemeinsame Richtung: Kinos wollen ihr Publikum besser verstehen, den Kinobesuch als zusammenhängende Erfahrung gestalten und Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen übersetzen.
Weitere Themen bildeten ein breites Arbeitsfeld:
Kino als Erlebnis- und Aufenthaltsort: Immersion, Premiumqualität, Live-Content, besondere Snacks und die gemeinsame Aufmerksamkeit im Kinosaal erweitern den Blick über die reine Filmvorführung hinaus.
Eine bessere Customer Journey: Solo-Gäste, digitale Anschlusskommunikation, kuratierte Angebote und ein möglicher Gildepass zielen darauf, Orientierung, Komfort und Bindung zu verbessern.
Mehr Kooperation: Daten, Social Media, Audience-Strategien, ein bundesweiter Kinotag und die Zusammenarbeit von Kino und Verleih lassen sich nur begrenzt im Alleingang entwickeln.
Menschen und Fähigkeiten als Voraussetzung: Arbeitsplatzqualität, Weiterbildung, Zugang zu innovativen Kinoerfahrungen und der praktische Einsatz von KI betreffen die Bedingungen, unter denen Veränderung im Alltag gelingen kann.
Das Ergebnis ist kein einzelner „Moonshot“, der alle anderen Themen ersetzt, sondern ein Portfolio: kurzfristig testbare Maßnahmen, mittelfristige Kooperationsmodelle und längerfristige strukturelle Aufgaben.
Eine gemeinsame Richtung – und die nächsten Fragen nach dem Innovation Lab
Es wurde ein gemeinsames Arbeitsbild geschaffen: Die Zukunftsfähigkeit des Kinos hängt auch davon ab, ob Wissen besser geteilt, Entscheidungen transparenter gemacht und das Kinoerlebnis konsequent aus Sicht des Publikums weiterentwickelt wird.
Drei Entwicklungslinien stehen dabei eng miteinander in Verbindung:
Daten und Erfahrungen müssen besser nutzbar werden.
Die Zusammenarbeit zwischen Kino und Verleih sollte transparenter und flexibler gestaltet werden.
Das Kino kann sich stärker als lokaler Erlebnis-, Kultur- und Begegnungsort profilieren.
Die Themenkarten und Diskussionen schaffen eine gemeinsame Sprache für die weitere Zusammenarbeit von Kinos, Verleihern, Filmschaffenden, Verbänden und weiteren Partnerinnen. Jetzt geht es darum, die Arbeitsrichtung in konkrete Schritte zu übersetzen: Was lässt sich kurzfristig ausprobieren? Wo braucht es gemeinsame Standards? Und welche Ansätze erfordern neue Partnerinnen oder ein branchenweites Vorgehen?



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